Konzert, Dienstag, 6.10.2009, 19 Uhr, Glockenhaus

Suprafuide - MeditAktion

Die erstaunlichen Fähigkeiten von Wasser und Salz,
aktuelle Kunst und moderne Flötenklänge:
der Künstler Andreas Peschka und
der Flötist und Komponist Helmut W. Erdmann
treffen aufeinander.

Programm des Abends:

Vorlauf: Black Matter (wo der Raum am tiefsten ist), unscharfe Zeichnungen.

Begrüßung: Wahre Raumfahrt

Start: Suprafluide Meditaktion dAAAAAAAAAAAAAAAAAATTAAAAAAAAAA

George Brecht Redundanz
„Drip Music“, dotiert mit Fehlstelle
„Drip Music“, dotiert mit Fehlstelle und Fremdfeld

Physis und Futur, eine Anlage
Anleitung und Demonstration
zur Einrichtung einer Aussalzungsquelle
zum Vorgang: Salzwuchern
Historischer Rückblick:
VEXAT
Die Entdeckung der Salzzapfen
Eine Philosophie der Salzzapfen
Die Erkundung der Salzzapfen
Raumfahrt
Eine sowohl zweifelhafte als auch verzweifelte Hoffnung

Mappa Mundi
Der Film: Mandelbrot braucht Ruhe
Life-Zeichnung! Meine Arbeit an zwei Horizonten der Welt.

weiße Realitäten
Andreas Peschka

Ich mag die Weise, wie Roger Caillois, wie Gaston Bachelard oder Georg Simmel über einfache Gegenstände nachdenken. Caillois z.B. über Steine, Bachelard über Flammen und Kerzen, Simmel über Brücken und Tore.

Kosmologie, als Spiel mit Weltbildern/Universen begeistert mich. Der völlig überstreckte metaphorische Raum. Seit vielen Jahren lasse ich mich auf Realitäten ein, die mir von der Naturwissenschaft eröffnet werden.
Nicht daß diese Realitäten nicht etwa schon zuvor und überhaupt ohne diese Wissenschaft vorhanden wären - schon ihr Name bezieht die Naturwissenschaft auf die unabhängig von ihr ihr immer schon vorhergehende Natur.

Aber natürlich kann sich jeder direkt auf die Natur beziehen! Künstler tun das ohnehin. Und ich auch. Bezug ist ja ein wirksames Mittel der Naturgestaltung.

Was mich dennoch in die Nähe von unterschiedlichen Naturwissenschaften lockt, ist das schöne Gefühl subjektiver Freiheit, das mich jedesmal wieder hinreißt, immer wieder wie die Motte um ein Fachgebiet oder ein wissenschaftliches Phänomen kreisen läßt, welches das nackte, kalte Licht der überheißen Flamme ausstrahlt, die von all diesen Wissenschaftlern erzeugt wird.

Es ist sozusagen ein Licht der Enthaltung, welches von ihnen ausgeht. In einer heldenhaften, gleichwohl längst zur Routine gewordenen Anstrengung tun die Forscher alles, um sich selbst aus dem Gang ihrer Erkenntnisgewinnung herauszuhalten. Subjektivität hat in ihrem objektivierenden Bemühen allenfalls unbewußten, tief verborgenen Einfluß.

Subjektivität ist Verschmutzung. Subjektivität verbirgt hinter ihrer schleimigen Vordringlichkeit das Tatsächliche und Gültige des vom Wissenschaftler ans Licht der Wirklichkeit geförderten Dinges. Sozusagen putzt der Wissenschaftler sich, und nicht nur sich, sondern tendenziell jede an seinem Gegenstand haftende Subjektivitätsspur aus dem Bild, das er malt. Sozusagen malt er ausschließlich weiße Bilder.

Phantastische Idee Malewitschs, einer weißen Grundierung eine schwarze Tiefe zu applizieren und damit ein vieldimensional schillerndes Fenster auszuschachten.

Die "Weißen Realitäten" der Wissenschaft aber sind wegen ihrer offenen Leere wunderbar für Jedermanns Projektionsvermögen zur Verfügung. Und weil ich wie die meisten Künstler auf der Suche nach aufnahmefähigen Orten bin, Arealen der Realität, die nicht vorbelastet scheinen, wo das eigene Pioniervergnügen das Gefühl neuer Freiheit genießen und nutzen kann, liebe ich den eifrigen Ausstoß an entsubjektiviertem Material, das von den Wissenschaften erzeugt wird.

Wer meint, daß die Produkte der Naturwissenschaft vor allem zu technischer Anwendung taugen, der sollte sich bei jenem Randphänomen, bei der die Wissenschaft eng ummantelnden Sekundärliteratur und deren tertiären und weiteren Derivaten umtun. Allein die Sprachschöpfungen, Metaphern- und Allegoriebildungen dort bereichern den menschlichen Ausdrucksschatz und sein poetisches und damit weltbildendes Vermögen. Das kosmologische Tentakeln der Menschheit erhält von dort – so wie die Korona der Sonne deren innere Glut exponentiell steigert, bevor sie sie als Sonnenwind davon bläst – die spitzesten Impulse.

Ich mag allegoretisches Kneten. Ich bin Plastiker. Naturallegorese hat diesen schönen hellen Ton zum Medium.

Phantastisch ist, daß ich mich den Regeln der Naturwissenschaft nicht unterwerfen muß.

bild fehlt

Beginn

Ich besuchte Herrn Erdmann bei einer Aufführung des Stummfilmes, der Golem, zu dem er live-elektronisch mit dem Ensemble Musica Viva Bayreuth eine Neue (Film-)Musik improvisierte. Ich war begeistert von der schmiegsamspannenden Auseinandersetzung mit dem Film, die diese Improvisation ermöglichte. Aus diesem Treffen entstand bei jedem von uns parallel eine Idee, dass man vielleicht etwas Ähnliches auch erreichen könnte, wenn das Pendant zur Musik nicht ein mechanisch ablaufender Film wäre, sondern ein lebendig reagierender Partner außermusikalischer Herkunft: vielleicht eben, so dachte ich, könnte einer meiner transphysikalischen Vorträge passen. Vielleicht könnte auch mehr draus werden, als eine reine Begleitung, sondern ein entwicklungsfähiger Ansatz, auch konzeptuell-kompositorisch Verwebungen beider Pole zu generieren. Wir trafen uns, wir fanden uns, wir sind nun kurz vor einer ersten Aufführung!

 

Mir gefallen Komplexitäten, Dickichte, Schwärme, Areale, in denen man den Überblick verliert – "Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust" —"Was!? Nur so wenige!" – Identität ist mir nur als Gewusel von Unterschieden vorstellbar, split brain in tausend Stücke. Von daher wird diese Aufführung unterschiedlich. Was wird es geben? Was zu sehen, was zu hören, was zu erleben, Selbstbezügliches, Metaebnendes, elektronisch überformte Flötenklänge, natürliche Flötenklänge, Naturspekulation und zwar wissenschaftsversetzt, präsentationsdidaktische Folien (des folies), es wird auf eine Leiter gestiegen und Zeichnungen werden zeichnend kopiert, die zweite Hälfte des Abends ist mühseliges Kriechen, die erste hat’s mit dem ultralangsamen Fallen, eine Fluxusredundanz gibt’s als Einfüh-rung, ein offenes Ende als Ausstieg, wobei Herr Erdmann schon bekannt gegeben hat, dass er irgendwann auch selbst zum Bahnhof muss.


Andreas Peschka - Geopoet

14.4. 1954 geboren in Herford 1975 – 1983 Kunststudium an der Kunstakademie Münster (außerdem Philosophiestudium) Seit 1981 Ausstellungen, Vorführungen, Veröffentlichungen Ausstellungen – eine Auswahl: „A4 ICH concern“, IHK Lüneburg/Wolfsburg, Konzept Firmenpräsentation; 2008 – „Stempelset für Attentäter“, Clayonnage Compacte Festival, Hamburg; Vortrag; 2008 – „globalokal“, Künstlerhaus eins eins, Hamburg, pattern, Globen, Vortrag; 2007 – „Die Sonde, die Reise, Aufnahmen vom Plasma“, Küsterscheune Betzendorf, PLASMEN, Tiefseelichter, Staubmäuse, Vorträge; 2007 – „Seismographen“, Installation; Motorschiff Stubnitz, Rostock I Brügge/KULTURHAUPTSTADT EUROPAS; 2002 – „OUTSIDE-IN — der Himmel von außen“, Kurzvorträge, Lichtbilder und Demonstrationen; Zeiss-Planetarium am Insulaner, Berlin; 1999 – „Die Welt wird von ihren Hunden getragen“, Installation. Museum für Naturkunde und Vorgeschichte Dessau, ein Projekt des Büro Otto Koch; 1999 – „ ) am Leeren unmittelbar anschließend: “, Installation in der Ruine der Künste Berlin (mit freundlicher Unterstützung vom Deutschen Elektronen Synchrotron Hamburg); 1998

Helmut W. Erdmann
1947 in Emden geboren. Studium in Braunschweig (Orchesterdiplom) und Hamburg (Flöte bei K. Zöller, Komposition bei D. de la Motte, Elektronische Musik bei W. Krützfeldt). 1971 Musiklehrerprüfung. Seit 1971 Lehrtätigkeit an der Musikschule Lüneburg (Flöte, Leiter des Ensembles Neue Musik Lüneburg); seit 1974 Lehrbeauftragter an der Leuphana Universität Lüneburg, seit 1985 an der Universität Göttingen. Seit 1992 Professor für Komposition/Live-Elektronik an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg. Seit 1976 Dozent, Referent und Kursleiter auf überregionalen und internationalen Tagungen und Kongressen. Seit 1971 rege solistische Tätigkeit, vor allem mit dem 1971 gegründeten Varius-Ensemble (Hamburg) Seit 1980 außerdem Mitglied des Ensemble Musica Viva (Bayreuth) und seit 1991 Mitglied des Michael Sell Ensembles (Frankfurt). Anreger neuer Kompositionen für Flöte solo und Kammermusik mit Flöte. Seit 1975 Künstlerischer Leiter der Veranstaltungsreihe Neue Musik in Lüneburg, seit 1977 außerdem Leiter des Fortbildungszentrums für Neue Musik Lüneburg. Zahlreiche Auszeichnungen, u. a. Stipendiat der Deutschen Akademie Villa Massimo (Rom), der Cite Internationale des Arts (Paris), der Stanford University California, (USA), 1980 Niedersächsisches Nachwuchsstipendium, 1983 Verleihung des Bach-Preis-Stipendiums der Stadt Hamburg; 1985 Stipendiat der Casa Baldi (Olevano/Rom) und der Cite Internationale des Arts (Paris) - zweiter Paris-Aufenthalt, 1988 und 1989 Gast im Atelierhaus Worpswede; 1990 Niedersächsisches Künstlerstipendium und 1991 Kulturpreis des Landkreises Lüneburg; 1996/97 Jahresstipendium des Landes Niedersachsen. Seit 1998 Präsident der Europäischen Konferenz der Veranstalter Neuer Musik (ECPNM). Seit 2006 Präsidiumsmitglied des ECF (European Composer´s Forum). Seit 2007 Vorstandsmitglied des Deutschen Komponistenverbandes sowie der ECSA (European Composers and Songwriters Alliance). Seit 2008 Mitglied im Fachausschuss Europa/Internationales des Deutschen Kulturrates sowie der „Platform of Cultural and Creative Industries der EU-Commission for Education and Culture“ in Brüssel.
Die kompositorischen Arbeiten (ca. 200 Werke) umfassen alle Gattungen, einschließlich elektronischer und live-elektronischer Werke, Konzerte und Rundfunkproduktionen mit eigenen Werken in der Bundesrepublik Deutschland, in Europa, Japan und in den USA.
"In meinen Kompositionen bin ich bestrebt, zu einer Synthese heute möglicher Stilmittel zu gelangen. Hierzu gehört neben Einbeziehung improvisatorischer Gestaltungsmöglichkeiten bei einigen Werken, von Beginn meiner kompositorischen Arbeit an die Auseinandersetzung mit elektronischer Musik und live-elektronischer Klangverarbeitung und den differenzierten Fähigkeiten der Computermusik Von großer Bedeutung sind für mich dabei die verschiedenen Mischformen - vom "reinen" Instrumentalton und seinen mannigfaltigen Farbgebungen bis zum völlig elektronischen veränderten Klang mit allen Zwischenstufen der Verfremdung, Klangerweiterung, dem Feedback instrumentaler und apparativer Technik im kreativen Entfaltungsprozess. Parallel dazu hat mich die Einbeziehung melodischer und rhythmischer Elemente interessiert, um wieder zu "lust-vollem" Musizieren zu gelangen. Neben diversen Kompositionen für professionelle Formationen hat mich in den zurückliegenden 20 Jahren immer wieder die Aufgabe gereizt, Stücke für den Laienbereich zu konzipieren. Vor allem in der Kammermusik sind eine Reihe von Stücken entstanden, zu denen mich jugendliche Spieler als Teilnehmer der Wettbewerbe "Jugend musiziert" angeregt haben. Für mich als Komponist stellt sich dabei auch eine wichtige pädagogische Aufgabe: jugendliche Spieler an die Auseinander-setzung mit Neuer Musik heranzuführen, ihr Interesse zu wecken und zur kontinuierlichen Beschäftigung mit Neuem, Ungewohntem zu ermuntern."