Suprafluide MeditAktion: eine Mikrobewegung für Lüneburg - Salzinsel aus dem Zechsteinmeer
Andreas Peschka (Performance Art) und
Helmut W. Erdmann (Musik/Komposition) im gemeinsamen Vortrag.

Die Suprafluide Meditaktion Nr.4 diesmal also als "Lüneburg"-Performance: Inseln sind Berge des Seegrundes, die die Wasseroberfläche durchbrechen. Der Berg steigt und das Meer zeichnet eine Linie gleicher Höhe, die mal sinkt, mal fällt, ein schwankendes Normalnull. Dort blühen Hafenstädte. Lüneburg, die Hafenstadt über dem Zechsteinmeer. Der Berg, der die Stadt trägt, ist ein Berg aus Salz.
Das Meer ist ein Meer sedimentierter geologischer Horizonte, auf deren Grund in der Tiefe ein schlafender Ozean ruht. Er träumt mit erhabener Langsamkeit in Blasen aufquellenden Salzes. Der Berg Lüneburgs ist kein Ergebnis tektonischer Faltungen, er ist Salz, das aufwärts strebt, Zeithorizont um Zeithorizont, Sedimentschicht um Sedimentschicht durchwandert und endlich Berg wird, über der
Ebene sichtbar. Und dann die Geschäfte der Menschen.

Bildende Kunst, Musik … nie verwerten, nie verwerfen … ist es möglich, wenigstens mit dem Salz, dem biologischsten Stein, in eine Komplizenschaft einzutreten? Eine Anlage Zukunft zu performen? Andreas Peschka und Helmut W. Erdmann treten zum wiederholten Male (4) in diese gemeinsame Performance ein: die ultralangsamen geologischen Fahrten der Erde an der ein oder anderen Stelle, unter dem ein oder anderen Aspekt zu umspielen.


Eine Mikrobewegung für Lüneburg, Salzinsel,
Lüneburg, 16.10.2011, 19 Uhr

1. Vorlauf:
Blackmatter (wo der Raum am tiefsten ist), unscharfe Zeichnungen.

2. Begrüßung
Das Glockenhaus, Eckpunkte; Life-Elektronik und Transphysik als Improvisation

3. Performance: Suprafluide Meditaktion
– Andreas Peschka & Helmut W. Erdmann
1.1. George Brecht Redundanz – Kristall und Hommage (nach einer anonymen Internetquelle).
1.1.1. "Drip Music", dotiert mit Fehlstelle
1.1.2. "Drip Music", dotiert mit Fehlstelle und Fremdfeld

1.2. Physis und Futur, eine Anlage
1.2.1. Anleitung und Demonstration
1.2.1.1. zur Einrichtung einer Aussalzungsquelle
1.2.1.2. zum Vorgang: Salzwuchern, Grundlagen, Formen, Gefahren
1.2.2. Historischer Rückblick:
1.2.2.1. VEXAT
1.2.2.2. Die Entdeckung der Salzzapfen
1.2.3. Eine Philosophie der Salzzapfen
1.2.3.1. Die Erkundung der Salzzapfen
1.2.3.2. Raumfahrt
1.2.3.3. Eine sowohl zweifelhafte als auch verzweifelte Hoffnung

1.3. Mappa Mundi
1.3.1. Der Film: Mandelbrot braucht Ruhe
1.3.2. Life-Zeichnung! Meine Arbeit an zwei Horizonten der Welt.

Andreas Peschka geopoet
Transphysikalische Improvisation
Seit 1981 Freier Künstler: Projekte, Konzepte, Expeditionen, Vorträge, Performances, Bildobjekte
Installationen, Ausstellungen, Texte, Kunstbücher, Kunstphotographien.
Mir gefallen Komplexitäten, Dickichte, Schwärme, Areale, in denen man den Überblick verliert – "Zwei Seelen wohnen, ach! in meiner Brust", "Was!? Nur so wenige!" – Identität ist mir nur als Gewusel von Unterschieden vorstellbar, split brain in tausend Stücke.
Seit vielen Jahren lasse ich mich auf Realitäten ein, die mir von der Naturwissenschaft eröffnet werden. Nicht daß diese Realitäten nicht schon zuvor und überhaupt ohne diese Wissenschaft vorhanden wären - schon ihr Name bezieht die Naturwissenschaft auf die unabhängig von ihr immer schon vorhergehende Natur. Und natürlich kann sich jeder direkt auf die Natur beziehen. Künstler tun
das ohnehin. Und ich auch. Was mich dennoch in die Nähe von unterschiedlichen Naturwissenschaften lockt, ist das schöne Gefühl subjektiver Freiheit, das mich jedesmal wieder hinreißt, immer wieder wie die Motte um ein Fachgebiet oder ein wissenschaftliches Phänomen kreisen läßt, welches das nackte, kalte Licht der überheißen Flamme ausstrahlt, die von all diesen Wissenschaftlern erzeugt wird. Es ist sozusagen ein Licht der Enthaltung, welches von ihnen ausgeht. In einer heldenhaften, gleichwohl längst zur Routine gewordenen Anstrengung tun die Forscher alles, um sich selbst aus dem Gang ihrer Erkenntnisgewinnung herauszuhalten. Subjektivität hat in ihrem objektivierenden Bemühen allenfalls unbewußten, zutiefst verborgenen Einfluß. Subjektivität ist Verschmutzung. Subjektivität verbirgt hinter ihrer schleimigen Vordringlichkeit das Tatsächliche und Gültige des vom Wissenschaftler ans Licht der Wirklichkeit geförderten Dinges. Sozusagen putzt der Wissenschaftler sich, und nicht nur sich,
sondern tendenziell jede an seinem Gegenstand haftende Subjektivitätsspur aus dem Bild, das er malt. Sozusagen malt er ausschließlich weiße Bilder.
Die "Weißen Realitäten" der Wissenschaft aber sind wegen ihrer offenen Leere wunderbar für das subjektive Projektionsvermögen von jedermann zur Verfügung. Und weil ich wie die meisten Künstler auf der Suche nach aufnahmefähigen Orten bin, Arealen der Realität, die nicht vorbelastet scheinen, wo das eigene Pioniervergnügen das Gefühl neuer Freiheit genießen und nutzen kann, liebe ich den eifrigen Ausstoß an entsubjektiviertem Material, das von den Wissenschaften erzeugt wird.

Helmut W.Erdmann
Live-elektronische Improvisation
1947 in Emden geboren.
Studium in Braunschweig (Orchesterdiplom) und Hamburg (Flöte bei K. Zöller, Komposition bei D. de la Motte, Elektronische Musik bei W. Krützfeldt). 1971 Musiklehrerprüfung. Seit 1971 Lehrtätigkeit an der Musikschule Lüneburg (Flöte, Leiter des Ensembles Neue Musik Lüneburg); seit 1974 Lehrbeauftragter an der Leuphana Universität Lüneburg, seit 1985 an der Universität Göttingen. Seit 1992 Professor für Komposition/Live- Elektronik an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg. Seit 1976 Dozent, Referent und Kursleiter auf überregionalen und internationalen Tagungen und Kongressen. Seit 1971 rege solistische Tätigkeit, vor allem mit dem 1971 gegründeten Varius-Ensemble (Hamburg) Seit 1980 außerdem Mitglied des Ensemble Musica Viva (Bayreuth) und seit 1991 Mitglied des Michael Sell Ensembles (Frankfurt).
Zahlreiche Auszeichnungen. Anreger neuer Kompositionen für Flöte solo und Kammermusik mit Flöte. Die kompositorischen Arbeiten (ca. 200 Werke) umfassen alle Gattungen, einschließlich elektronischer und live-elektronischer Werke, Konzerte und Rundfunkproduktionen mit eigenen Werken in der Bundesrepublik Deutschland, in Europa, Japan und in den USA.

"In meinen Kompositionen bin ich bestrebt, zu einer Synthese heute möglicher Stilmittel zu gelangen. Hierzu gehört neben Einbeziehung improvisatorischer Gestaltungsmöglichkeiten bei einigen Werken, von Beginn meiner kompositorischen Arbeit an die Auseinandersetzung mit elektronischer Musik und live-elektronischer Klangverarbeitung und den differenzierten Fähigkeiten der Computermusik Von großer Bedeutung sind für mich dabei die verschiedenen Mischformen - vom "reinen" Instrumentalton und seinen mannigfaltigen Farbgebungen bis zum völlig elektronischen veränderten Klang mit allen Zwischenstufen der Verfremdung, Klangerweiterung, dem Feedback instrumentaler und apparativer Technik im kreativen Entfaltungsprozess. Parallel dazu hat mich die Einbeziehung melodischer und rhythmischer Elemente interessiert, um wieder zu "lustvollem" Musizieren zu gelangen.