John Eckhardt (Kontrabass, Hamburg) - Xylobiont
Lüneburg, 18.10.2011, 19 Uhr
Teil 1 - XYLOBIONT
Teil 2 - FORRESTA - john eckhardt, e-bass & elektronik
Nachdem das Spektrum von John Eckhardts Arbeit nun Projekte in so unterschiedlichen Bereichen wie Neuer Musik und Drum'n Bass einschließt, entstand die Idee zu FORRESTA - einem Projekt, das einerseits das weite Terrain zwischen solchen musikalischen Außenposten bewusst erkundet, andererseits Vorlieben für Krautrock und Dubtechno verarbeitet. Das Stück "ferns" (deutsch: Farne) entstand als Auftragswerk für die Ostrava Days 2011. Der Abend fand in einer ehemaligen Kohlenmine statt:
A meditation on time, space and material process. Ferns have existed from the dawn of plant life on land. 300 million years ago, they covered the very land we stand on in gigantic forests up to 30 meters in height. In a tropical, green, yellow and brown world without seasons, wildlife was characterized by small reptiles and large insects such as three foot dragonflies. For some 50 million years of the Carboniferous age, forests upon forests grew, died, decomposed in their swampy environment, only to get overgrown again. Under the resulting compression and heat, they formed beds of bituminous and anthracite coal that circled the northern hemisphere.
Der Hamburger Kontrabassist John Eckhardt ist umtriebiger Kammer- und Improvisationsmusiker. Seine Arbeit als Solist wie Ensemblemusiker vor allem in der Neuen Musik (u.a. mit Ensemble Modern, Klangforum Wien, musikFabrik NRW, Elliott Sharp, Evan Parker, Malcom Goldstein) hat ihn auf zahlreiche internationale Festivals geführt. Seine Einspielung von Iannis Xenakis' Meisterwerk "Theraps" für Mode Records sowie seine Solo-CD "Xylobiont" auf Evan Parkers PSI Records fanden weltweit Beachtung.
Als E-Bassist setzt er sich zudem in der letzten Zeit in einer Reihe von Projekten mit Clubmusik, Dub und Krautrock auseinander, wobei der elektronischen Live-Bearbeitung von Instrumentenklängen eine zentrale Bedeutung zukommt. In seinem Lüneburger Konzert stellt er jedoch den aktuellen Stand seines rein akustischen Kontrabass-Spiels vor, zu dem er nach jahrelanger Auseinandersetzung mit den Praktiken der Elektroakustik zurückgekehrt ist. Man könnte sagen, Elektronik ist omnipräsent in seiner Musik, insbesondere hinsichtlich Klangentfaltung, Polyphonie und Formfindung - er hat sie jedoch wieder in die Live-Elektronik seiner Nervenzellen und Muskelfasern überführt. Auszüge aus begeisterten Besprechungen seiner jüngsten Solo-Aufnahmen sprechen dies aus:
Ohne die Wärme und Rundheit des Kontrabasses wäre es leicht, diese Musik für elektronische Musik zu halten. (La médiatheque de la communaute française de belgique)
Langsam lässt Eckhardt seinen Bogen gleiten, schafft elegante Pizzicato-Konstruktionen oder setzt feinste Dynamik ein, um so die Errungenschaften der Elektronik-Minimalisten zu hinterfragen. (Le son du Grisli)
Eckhardt schafft Klanglichkeiten und Texturen, die völlig unerwartet sind und mitunter aus einer anderen Welt zu kommen scheinen. Die Ergebnisse sind intensiv, von lebendiger Farbigkeit und oftmals hypnotisierend. Diese CD entstand "ohne Overdubs, ohne Schnitte und ohne elektronische Bearbeitung", was die erzielten Effekte noch fantastischer macht. (The Strad)
Eckhardt eröffnet betörende Klangfelder voller Subtilität und Geheimnis. Ein Hinweis auf der CD siedelt seine Musik zwischen Ligeti, Xenakis und Feldman an, aber für meine Ohren ist sie eher von Strömungen verschiedener, abstrakter Elektronika geprägt. (Destination Out)
Acht Stücke ohne Overdubs, Elektronik und Bearbeitung. Oft schwer zu glauben, denn das Klangbild besteht aus mehreren Klangschichten: der technisch brillante Eckhardt hegt den Wunsch, polyphone Möglichkeiten auszuloten - einen Wunsch, den er im Übermaß erfüllt. (Sound of Music)
Eckhardts Beschäftigung mit elektronischer Musik scheint die Inspiration für die mit dem Bogen gestrichenen, drone-artigen Stücke, vor allem der höhlenartige Analogsynthesizer-Klang von "filum". (Dusted Magazine)
Somit stellt John Eckhardt nicht nur sich und neuartige Möglichkeiten seines Instrumentes vor. Als Solist des Gaudeamus-Kompositionswettbewerbes 2012 fordert er zudem seine komponierenden Zuhörer heraus, die Möglichkeiten der elektronischen Musik aus dieser umgekehrten, quasi biologisch-performativen Perspektive zu betrachten.
Das Wort "Xylobiont" bedeutet unter Biologen soviel wie "mit / am / vom Holz leben" und verweist auf die organischen Eigenschaften dieser Musik, die sich weder aufschreiben lässt noch rein improvisiert ist. Sie beruht zum einen auf einer speziellen, teils eigens entwickelten Spieltechnik, die vom täglichen Umgang mit neuer Kompositionsmusik (Feldman, Ligeti, Xenakis etc.) sowie von jahrelanger Praxis der Improvisation inspiriert ist.
Zum anderen versucht John Eckhardt durch seine Herangehensweise immer neue Rückkopplungen von Körper und Sinnesapparat mit dem 120 Jahre alten Klangerzeuger zu ermöglichen. In verschiedenen Versuchsanordnungen werden die physikalischen Eigenschaften des Instrumentes hörend erforscht. Klang, Form und Verlauf sind Ergebnis eines ständigen Prozesses von Beobachtung und vorsichtiger Beeinflussung. Eine Expedition durch unbekannte klingende Wälder und Gehölze.