20 Jahre "Fortbildungszentrum für Neue Musik Lüneburg"

von Dr. Wolfgang Thies

Das Musikschulgebäude in der niedersächsischen Stadt Lüneburg ist seit vielen Jahren Schauplatz ungewöhnlicher Aktivitäten. Am Rande des historischen Stadtkerns gelegen, beherbergt es seit 1977 das "Fortbildungszentrum für Neue Musik", das sich zu einem Anziehungspunkt für Wissbegierige aus allen Teilen der Bundesrepublik entwickelt hat. Ein breitgefächertes Informationsangebot, Gelegenheit zur Produktion eigener Werke und zur Diskussion - das sind die tragenden Säulen des Konzepts von Prof. Helmut W. Erdmann, der das Fortbildungszentrum seit seiner Gründung leitet.

Erdmann, der die zeitgenössische Musik als Komponist, Flötist und Pädagoge seit Jahrzehnten unermüdlich fördert, erinnert sich an die Anfänge: "1975 gab es ein Projekt an einem Lüneburger Gymnasium, ein Wandelkonzert unter dem Motto >Klangereignisse<. Daran beteiligten sich Instrumental- und Vokalgruppen des Gymnasiums und das Ensemble des Studios für Neue Musik an der Musikschule Lüneburg. Mehr als fünfhundert Besucher kamen zu der Veranstaltung. Das gab den Anstoß, in Lüneburg Aktivitäten mit Neuer Musik in weitaus stärkerem Maße als bis dahin üblich zu entwickeln. Im selben Jahr fand zum ersten Mal das Festival "Neue Musik in Lüneburg" mit Konzerten, Vorträgen und Diskussionsrunden statt.

Um Jugendliche gezielt anzusprechen und um ihnen auch die Möglichkeiten der Musikelektronik nahebringen zu können, wurde das kleine Studio der Musikschule zu einem Fortbildungszentrum für Neue Musik ausgebaut. Durch positives Echo ermutigt, erweiterte Erdmann das Spektrum der behandelten Themen ständig. Heute reicht es von neuen Spieltechniken auf herkömmlichen Instrumenten über die elektroakustische Musik mit Analogsystemen und Tonbandmaschinen bis hin zu neuesten computergestützten Verfahren. Den Schwerpunkt bildet die Live-Elektronik, die den Instrumental- bzw. Vokalklang während der Aufführung erweitert und um eine zusätzliche Dimension bereichert. Dem rezeptiven Lernen steht die eigene Erfahrung zur Seite, das Erproben der mannigfaltigen Möglichkeiten an den zahlreichen Arbeitsplätzen des Fortbildungszentrums. Technik als Selbstzweck kommt für Erdmann nicht in Frage, entscheidend ist das musikalische Ergebnis. Er legt großen Wert auf ein fruchtbares Miteinander von traditionellen Instrumenten und Elektronik, sei es im Dialog verschiedener Klangerzeuger oder in der live-elektronischen Klangumformung. Neben traditionell notierten Werken behandelt er ausführlich die Realisation von Konzept-Kompositionen (Verbalpartituren, grafische Partituren) sowie die freie Improvisation.

Seit 1977 haben vorwiegend Schüler, Studierende und Lehrer, aber auch Wissenschaftler und Musikliebhaber aus ganz anderen Berufsgruppen die Veranstaltungen des Fortbildungszentrums besucht: Konzerte, Vorträge, Kurse und Workshops, die zum Teil auch an Schulen verschiedener Landkreise stattfinden. Zur intensiveren Auseinandersetzung mit Neuer Musik wurden schon im Gründungsjahr Wochenendseminare angeboten, und 1979 kam die im Frühjahr stattfindende "Internationale Studienwoche für zeitgenössische Musik" hinzu. Mit mehreren Dozenten, etlichen Gastreferenten, reichlich Gelegenheit zur selbständigen Einzel- und Gruppenarbeit, kommentierten Tonträgervorführungen sowie allabendlichen Kon-zerten ist sie ein Höhepunkt des jährlichen Veranstaltungsprogramms. 1996 wurde das dreitägige Festival "Neue Musik Lüneburg" zu einer sechs Tage dauernden Veranstaltungsreihe umgestaltet, die unter dem Motto "Begegnung mit Komponisten" im Herbst stattfindet. Diese Form soll die Kontakte zwischen Künstlern und Publikum vertiefen, bietet ein erweitertes Vortragsprogramm und schließt Zeiträume für die praktische Arbeit ein. Dadurch besteht die Möglichkeit, die während der Studienwoche im Frühjahr begonnenen Vorhaben weiterzuverfolgen und abzuschließen.

So bekam das jährliche Veranstaltungsprogramm des Fortbildungszentrums die folgende Form: achttägige Studienwoche im Frühjahr, zehn Wochenendseminare mit zehn Einzelkonzerten, fünfzehn Workshops in Schulen, sechstägiges Festival im Herbst. Während der mehrtägigen Veranstaltungen werden an jedem Abend zwei Konzerte geboten: ein Live-Konzert und ein Nachtkonzert mit elektroakustischer Musik aus Studios in aller Welt. Regelmäßig finden deutsche Erstaufführungen von Werken statt, die beim Internationalen Wettbewerb für elektroakustische Musik in Bourges (Frankreich) ausgezeichnet wurden.

Die vielfältigen Veranstaltungen des Fortbildungszentrums bereichern das kulturelle Geschehen in Lüneburg, wirken aber auch weit über die Stadtgrenzen hinaus. Das Zentrum arbeitet mit anderen Verbänden und Institutionen zusammen (u. a. Jeunesses Musicales Deutschland, Deutscher Tonkünstlerverband, Stichting Gaudeamus in Amsterdam, Institut für musikpädagogische Forschung an der Hochschule für Musik und Theater Hannover); das Ensemble Neue Musik Lüneburg wurde zu Konzerten, Rundfunkproduktionen und Musikschulkongressen eingeladen und hat seine erste CD eingespielt. Helmut W. Erdmann ist Lehrbeauftragter an verschiedenen Universitäten und Professor für Komposition/Live-Elektronik an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg. Außerdem wirkt er als Dozent und Referent bei Veranstaltungen im In- und Ausland mit. Ein Kooperationsvertrag zwischen dem Fortbildungszentrum und der Hamburger Musikhochschule wird noch in diesem Jahr unterzeichnet werden, das Zentrum ist dann gleichberechtigter Partner im Rahmen des Kontaktstudiengangs "Neue Kompositionstechniken". Kooperationsverträge mit weiteren Ausbildungsstätten (u.a. mit der Hochschule für Musik und darstellende Kunst "Mozarteum", in Salzburg und mit dem Koninklijk Conservatorium in Den Haag) sind in Vorbereitung.

Im März 1998 konnte Helmut W. Erdmann einen weiteren großen Raum einweihen, der mit neuester Studiotechnik ausgestattet ist. Erdmann sieht darin den Beginn einer "neuen Ära" mit neuen Aufgaben. Geplant sind zum Beispiel die Bereitstellung von Tonträgern, Partituren und begleitendem Material für Studienzwecke, eine Schriftenreihe in Zusammenarbeit mit der Universität Göttingen, die Produktion von CDs gemeinsam mit der Hamburger Musikhochschule, engere Zusammenarbeit mit dem Norddeutschen Rundfunk, Fortbildungsveranstaltungen speziell für Musiklehrer sowie die Entwicklung von Arbeitsmaterialien für den schulischen und außerschulischen Musikunterricht. Damit scheint dieser Standort für die zeitgenössische Musik vorerst gesichert zu sein. Der Erhalt der Institution ist auch sehr wichtig, weil es in Norddeutschland keine vergleichbare Einrichtung gibt. Elektronik nimmt in der kommerziellen Musikproduktion immer breiteren Raum ein. Um so notwendiger ist es, etwas über die Möglichkeiten und Grenzen des elektronischen Instrumentariums zu erfahren - gerade auch durch eigenes Tun -, Gestaltungsmöglichkeiten kennenzulernen, die über den Rahmen des Alltäglichen weit hinausgehen, und die Folgen des Elektronikeinsatzes zu diskutieren. Dem Lüneburger Fortbildungszentrum kommt hier eine wichtige Vorreiterrolle zu.

Wie schätzt Erdmann die Zukunftsaussichten in einer Zeit rigider Sparmaßnahmen ein?

"Nach Beendigung der Aufbauphase des Fortbildungszentrums für Neue Musik Lüneburg (FBZNM) ist es nunmehr äußerst wichtig, die Kontinuität der Arbeit zu sichern. Hierbei soll auch der in Gründung befindliche Förderverein des FBZNM helfen, die notwendigen finanziellen Recourcen bereitzustellen. Das FBZNM ist eine Einrichtung mit hohem innovativen Output - dieses zu erkennen und vorausschauend Planungssicherheit zu gewähren, sollte die selbstverständliche Aufgabe staatlicher und privater Förderer sein."