Alpensymphonie und Abfallsymphonie haben zwei Seiten gemeinsam:
eine skurrile, verspielte, artistische, die aus der handwerklichen Freude über
den Umgang mit den Materialien kommt und eine düstere, bedrohliche, grausame,
die davon herrührt, dass uns durch reflektierte Klangwelten die Kultur und Unkultur
unserer Mitwelt schmucklos, unverblümt und untouristisch als banal bis brutal
gegenübertritt, dass uns die Natur und Unnatur unserer Umwelt unbeschönigt als
Relikt einer heil geglaubten Welt gefährdet und bedroht erscheint.
Zum 500-Jahr Jubiläum der Entdeckung Amerikas haben diese Gedanken noch einen
weiteren Aspekt: Viele Menschen sind nachdenklich geworden ob solcher Jubiläen.
Die Ausrottung der Indianer als Folge der gefeierten Entdeckung erscheint auch
mir kein Anlaß für Feste.
Meine Auseinandersetzung mit Kultur und Tradition einer Landschaft will auch
Mahnung und Aufforderung sein: Mahnung vor Intoleranz und Aggression gegen kulturelles
Anderssein auf der einen Seite und Aufforderung zur Überwindung erstarrter,
unreflektierter Traditionen durch künstlerische Kreativität auf der anderen
Seite. Im Sinne eines akustischen "Theaters der Grausamkeit", wie es Antonin
Artaud verstanden hat. Es geht darum, Klangumwelt und Klanginnenwelt in Einklang
oder Auseinandersetzung zu bringen, um Klangmitwelt durch Klanggegenwelt bewußt
zu machen.
1991 realisiert in den Studios der GMFB-Groupe de Musique Experimentale
de Bourges (Französischer Originaltitel: "Jour-nuit-aube" - Ausgangsmaterial:
Originalaufnahmen von Kärntner Volksliedern, gesungen von Mitgliedern des NONETT
VOKAL (Heimo Axmann, Roland Breitegger, Helmut Fäßlacher, Jakob Koppitsch, Helmut
Unterkofler), aufgenommen im Tonstudio Peter Weikert. Glanhofen, Kärnten.
Eine Satire auf den Regionalismus im Zeitalter immer größer werdender Märkte
und immer kleiner werdender Identität: ...Gefahr des Nationalismus … Verlust
humaner Werte ... Jeder gegen jeden ..., ausgehend von Elementen aus 12 Kärnterliedern,
in 12 verschiedenen Tonarten gesungen, unter teilweiser Verwendung des Konstruktionsprinzips
magischer Quadrate.
1991 realisiert am Institut für Eektroakustik und experimentelle Musik der
Wiener Musikhochschule. Ausgangsmaterial: Original-Blasmusikaufnahmen aus den
70er Jahren mit der Kärntner Blaskapelle Rudi Platzer und dem Baßtubaspieler
Alois Laggner aus Klagenfurt.
Die Blasmusik-Elemente in "Marsch und Charme" wurden mit dem Computermusik-System
"Svter" an der GRM/INA (Groupe de Recherches Musicales / Institut National de
l'Audiovisuel) in Paris, die Vokalkombinationen im Studio Jakub in Bratislava
im Herbst 1991 realisiert.
Eine Zusammenfassung meiner Auseinandersetzung mit der populären Blasmusik.
die mich während meiner Kindheit in Kärnten und später als Komponist begleitete,
als ich versuchte, durch "Animation" die Kluft zwischen Volks- und Hochkultur
zu überbrücken.
… "vom Gipfel TUTUBABELS sehen Sie das wundersame Panorama der speckdurchwachsenen
heimischen Blasmusiklandschaft unserer Zeit", sagte der Fremdenführer ...
1990/91 realisiert am Experimentalstudio des tschechoslowakischen Rundfunks
in Bratislava (7), am Institut für Elektroakustik und experimentelle Musik der
Wiener Musikhochschule, sowie in Elementen am EMS-Studio Stockholm 1981, am
"Syter" der GRM/INA, Paris und am Studio Jakub in Bratislava 1991 (9).
Lustigkeit und Grausamkeit stoßen zusammen, gehen auseinander hervor. Im Lied
mit dem Refrain "Buben seids lustig" wird in der letzten Strophe ein Schuster
erschlagen. "Böse Menschen haben keine Lieder" heißt es im Volksmund. Aber wie
oft in der Geschichte ist man singend in Kriege gezogen oder hat, wie es aus
dem Konzentrationslager Lublin dokumentiert ist, tagsüber Menschenleben vernichtet
und abends Heimatlieder gesungen. Die Jagd dient als Symbol für diese grausame
Mischung: Jagdruf, Schuß und Schrei sind die drei Stationen zwischen Seligkeit
und Ewigkeit.
"Chanson" ist ein Stück zwischen Sprachobjekten (L' amour/die Tür/the chair/der
Bauch) und Klangobjekten (Kugel/Flasche/Stimme/...). Der Text von Ernst Jandl
aus dem Gedichtband "Laut und Luise" wurde bereits 1971 erstmals mit elektroakustisch
manipulierten Realitäten aus unserer Klangumwelt kombiniert: als Teil der "Mikrophonoper"
PUPOFON in Zusammenarbeit mit Erwin Piplits.
Ein Spiel mit tonalen Kunststücken beherrscht das Finale; Tonalität, innerhalb
experimenteller Musik - auch meiner eigenen - eine Seltenheit. Dabei wird Kitsch
gestreift und Nostalgie zugelassen: Ein Glühen zwischen Alb und Alp.
BIOGRAFIE
Dieter Kaufmann wurde am 11.4.1941 in Wien geboren, studierte in Wien
und Paris Musikerziehung, Germanistik, Kunstgeschichte, Violoncello, sowie Komposition
(bei Schiske, von Einem, Messiaen und Leibowitz) und Elektroakustische Musik
(bei Francois Bayle und Pierre Schaeffer).
Seit 1970 ist er Lehrer für Elektroakustische Musik an der Wiener Musikhochschule,
leitet seit 1990 eine Klasse für Komposition mit besonderer Berücksichtigung
der elektroakustischen und experimentellen Musik und ist seit Juli 1991 Leiter
des Instituts für Elektroakustik und experimentelle Musik in Wien.
1975 gründete er, zusammen mit seiner Frau, der Schauspielerin Gunda König,
das K&K EXPERIMENTALSTUDIO, das zum Wesentlichen Vehikel der Produktion und
Aufführung von Musiktheaterwerken wurde (Aufführungen und Tourneen in Europa,
Nord- und Lateinamerika).
1975 Kompositionspreis des Musikprotokolls beim "Steirischen Herbst" in Graz
für das Chorwerk "Pan", 1988 Magisterium für Elektroakustische Musik in Bourges,
Frankreich für 20 Jahre elektroakustische Komposition und für "Le voyage au
paradis" 1990 Ernst-Krenek-Preis der Stadt Wien für "Die Reise ins Paradies",
1991 Preis der Stadt Wien für Musik.
"Seit mehr als 20 Jahren beschäftige ich mich mit der musikalischen Natur von
vorgefundenen Klängen, mit der akustischen und akusmatischen Dimension von "objets
trouves".
Genau genommen hat das im Herbst 1968 begonnen, als ich an der Pariser "Groupe
de Recherches Musicales" Theorie und Praxis des Umgangs mit konkreter Musik
beim revolutionären Altmeister elektroakustischer Klangabenteuer, Pierre Schaeffer,
kennenlernte. Der Auftrag, 2 CDs für den Österreichpavillon der EXPO Sevilla
'92 zu gestalten und das dabei gestellte Thema "KLANGLANDSCHAFTEN" ermöglichen
es mir, die Resultate meiner Auseinandersetzung mit dem Phänomen "GEGENSTÄNDLICHE
MUSIK" erstmals in einer neuen, geschlossenen Form zu veröffentlichen".
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