Duo con:f usion
Marcia Kern, Stimme / Bratsche / Live-Elektronik
Sascha Lino Lemke, Blockflöte / Live-Elektronik

 

Programm Mittwoch 28. Mai, 20 Uhr Glockenhaus:

Marcia Kern
1977
Food of Love (2003) (Uraufführung)
Performance piece with live-electronics
Sascha Lino Lemke (*1976) &
Sonja Schierbaum (*1977)
...nicht im Traume (2000/1)
für Tonband
Marcia Kern Museum
for soprano, tape and live-electronics
Marcia Kern Form 0 (1998)
for electroacoustic tape
Sascha Lino Lemke
Sonja Schierbaum
Music for a bird or
Variations on a Theme of W.S.
(2003) (Uraufführung)
für eine Bratschistin, einen Blockflötisten, einen Laptop, Live-Elektronik und Videoprojektion

Food of Love

Cleopatra als Mythos, als Figur im Theaterstück, als historische Person, immer neu erfunden, neu interpretiert. Ich nehme die Figur William Shakespeares Theaterstück „Antony and Cleopatra“. Shakespeares Figur wiederum basiert auf der Beschreibung von Plutarch in seiner historischen Erzählung vom Aufstieg und Fall des Weltherrschers Markus Antonius. In Food of Love wie bei Shakespeare ist die Hauptfigur eigentlich Antony, auch wenn abwesend, wird nur von ihm gesprochen, Cleopatras Launen und Entscheidungen sind alle von ihm abhängig.

Das Stück ist in 7 Abschnitten unterteilt, die je einen Aspekt dieser vielseitigen Figur der Cleopatra abbilden: Ich möchte sowohl die Königen als Schauspielerin wie auch die Schauspielerin als Königen (sozusagen bei der Arbeit) zeigen; eine große Herrscherin, die zugleich den römischen Mächten untergeben ist; ihre Macht und Hilflosigkeit, die Lieben und die Leidenschaften, die das Schicksal von mehreren Völkergruppen bestimmen. Meine Cleopatra ist – je nachdem, wie es ihr paßt - verliebt, eifersüchtig, spielerisch, hysterisch und - ein wenig vergeßlich...

Um meine Vorstellung der Figur zu realisieren, benutze ich u.a. Live-Elektronik, bestehend aus mehreren Effekten und einigen wenigen, aber bedeutenden Samples, die Ausschnitte aus dem imaginären Leben der Cleopatra darstellen.

Der Klang von römischen Fußsoldaten z.B. wird simuliert, sowie ein Renaissance-Lied (aus der Zeit Shakespeares), gespielt auf dem Saiteninstrument Vielle und Blockflöte.
Wind, Wellen und Seemöwen erinnern an den entscheidenden Krieg, den die Liebenden gegen Octavius (später Augustus) Caesar auf dem Meer geführt hatten – zu ihrem Nachteil, denn zu Lande hätte Antony die Schlacht höchstwahrscheinlich gewonnen. Cleopatra flieht und Antonius folgt ihr, wobei er seine Männer im Stich läßt.
Von vornherein ist unsicher, ob Antony Cleopatra wirklich so sehr liebt, wie er es behauptet – er ist ja schon verheiratet, und als Witwer macht er Cleopatra auch keinen Antrag, sondern verläßt Ägypten, um nach Rom zu gehen, wo er Caesar’s Schwester heiratet. Um das Pathos der großen Liebe in Frage zu stellen, erklingt zum Zeitpunkt des Todes von Antony eine Art „Country and Western Song“ zum Text „Why should I think you should be mine and true“ .

"...nicht im Traume" für Tonband (2000/1)

Das Tonbandstück "nicht im Traume" ist die Folge eines gleichnamigen, im Herbst 2000 beim "Festival für Neue Musik Lüneburg" durch Frances M. Lynch uraufgeführten Stückes für Sopran, Tonband und Live-Elektronik. Es basiert auf einem Text der Hamburger Autorin Sonja Oh und hat hörspielähnliche Züge. Zudem ist es ein Stück über Musik, nämlich über die berühmte Lamento-Passacaglia-Arie aus Purcells Oper "Dido & Aeneas", in der Dido wehmütig Abschied nimmt mit den Worten: "When I am laid in earth, May my wrongs create No trouble in thy breast; Remember me, but ah! forget my fate." Aus dieser Arie leitet sich das Tonmaterial größenteils ab. Als Programme wurden Soundhack für Mutationen, MAX/MSP für komplexe Schichtungen und Prozesse sowie ProTools für zusätzliche Verfremdungen und das endgültige Abmischen verwendet. (Sascha Lemke)

Sonja Oh (*1977): Text zu "nicht im Traume" Ein Zimmer mit den Geräuschen der Nacht, die draußen lebt, Hunde bellen lässt aus der Ferne und stehen bleibt vor dieser Tür. Der Boden unter den Füßen gibt nicht nach, nur die Schritte sind lauter. Die Tür schließt den Raum in ein Schweigen, dem das Mädchen, das dort drinnen liegt, nicht entkommen kann, auch nicht in ihrem Traum, nur dass die Geräusche sich leise mischen darin.

Ich wache, ich schlafe, ich weiß nicht, ob ich träume:
Ich stehe auf und trete im Dunkel an das Fenster, an der schmalen Lichtspur entlang, die der
Mond in das Zimmer wirft oder vielmehr auf dem schmalen Schatten des Fensterkreuzes, der
auf meine Füße zeigt, ich folge ihm bis an das Fenster, ich steige leichtfüßig auf das Brett, ich
brauche den rechten Fuß kaum zu heben, so ist es wohl immer im Traum, ich blicke auf das
schwarze Wasser, das Haus steht am Kanal, stand es dort schon am Tage?
Ich bin mir nicht sicher.
Das Fenster öffnet sich, habe ich die Hand ausgestreckt?
Da sagt eine Stimme, ich möchte fliegen,
Meine Stimme?
So leise, so hoch,
Aber wir können doch nicht fliegen.
Es weint leise, auch mir steigen die Tränen in die Augen,
da erinnere ich mich auf einmal, als Kind flog ich noch am Tage, von Stühlen aus, den ganzen
Flur hinunter bis zur Wohnungstür, später aber nur noch im Traum.

Ich breite die Arme aus, ich stoße mich ab, ich fliege, nein, ich falle,
fliegt man nicht so? Habe ich es verlernt?
Vor Entsetzen hält es den Atem an in mir, ich schlage wild mit den Armen,
was für Ringe werfe ich auf und störe die Nachtruhe der Schwäne und Fische.
Das Wasser schließt sich über meinem Kopf.
Ich sinke, die Stimme verklingt mit dem fehlenden Atem.

Ich wache auf, weil auch mein Atem nicht mehr geht, ich keine Luft mehr finde in all dem
Wasser, überall Wasser, in Mund und Nase-

Die Mondspuren auf dem Boden. Ich atme auf.

Verstehst du?
Meine Flügel versagten im Traum und wir ertranken.
Wer glaubt schon an das Fliegen?

Es war keine böse Absicht vorhanden, es war eine bloße Tat ohne vorherigen Gedanken, also
auch keine wirkliche Tat, vielleicht könnte man sagen: es geschah, ich hörte auf die Stimme,
damit endlich etwas passierte, etwas entschieden würde: Flug oder Fall,-
Was denkst du?
Was denkst du?

 

"Museum" für Sopran, Tonband und Live-Elektronik (2000)

"Museum" für Sopran, Tonband und Live-Elektronik entstand für die britische Sopranistin Frances M. Lynch, die das Stück dann auch im Herbst vergangenen Jahres beim "Internationalen Festival für Neue Musik Lüneburg" zur Uraufführung brachte. Zugrunde liegt das gleichnamige Gedicht des englischen Schriftstellers Guy Barker. Seitdem ist es in Mannheim, Hamburg und Antigua/Westindische Inseln zahlreich aufgeführt worden.

Guy Barker: "Museum"
a word is in womb
a word respiring on exhibition
this is the home of the innocents
they took knife and killed
in a mind

what we never did
what we never can do
the voice sings
being useless in a moving city
unmoved by any dawn

Arid
ours a singing consciousness
that shall not know the song
even in its cave
where birth echoes
and re-echoes
and transforms
and is joy in the lit face
where a word at the wall taps

where the root writhes of blood and doubt
look down

a tree on broken ground lifts
living itself
where the root writhes
where a word taps at the wall.

Form 0

Das Tonbandstück Form 0 wurde 1998 in den Studios von City University, London kreiert. Die Ausgangsklänge (z.B Wasser, Ton, und Metal, sowieInstrumente und Stimme) wurden in Sound Designer, GRM Tools, und Protools bearbeitet. Es basiert auf folgendem Gedicht:

Exploring freedom
I found no form
in which to
place myself
and feeling lost
I ran to a place
where I could hide
from that vast
beckoning
Disorient.

 

 

Variations on a Theme of W.S.

Meine „Variations on a Theme of W.S.“ nehmen eine Abschiedszene aus William Shakespeares „Romeo & Juliet“ zum Anlaß für eine burleske, anspielungsreiche Performance. In dieser Szene versuchen die beiden Liebenden den Vogelgesang zu deuten: ist es die Nachtigall und darf Romeo noch etwas verweilen, oder ist es die Lerche und Romeo muß schnellsten verschwinden?

Spielerisch ergeben sich für den Zuschauer/hörer mögliche Parallelen zum Shakespeareschen Klassiker: ein Blockflötist und eine Bratschistin – sind sie Romeo und Julia? Zu Beginn zaghafte, leichte und plötzlich auch sehr geschwinde Klänge wie beim heimlichen Üben der Tanzschritte vor dem Ball. Vogelhafte Klänge der Instrumente und des Computers, der -eine Art misteriöse dritte „Person“ in der Bühnenmitte- auch sein Eigenleben hat... Immer wieder „Email-Korrespondenz“ zwischen Romeo und Julia. Dabei erscheinen Textbruchstücke, flimmernde Farbflächen und Cartoon-ähnliche Kommentare von Sonja Oh (*1977), deren Erscheinen und Verschwinden auf eigentümliche Weise mit den Aktionen der Instrumentalisten verbunden zu sein scheint.

Biographie:

Das Duo con:f usion besteht aus den freischaffenden Komponisten und Interpreten Marcia Kern und Sascha Lemke. Das Anliegen des Duos ist die Interpretation zeitgenössischer Musik unter Einbeziehung von Live-Elektronik und theatralischen Elementen. Gegründet im Jahre 2000 hatte es seinen ersten Auftritt bei der „Internationalen Studienwoche für zeitgenössische Musik Lüneburg“. Es folgten Auftritte beim Festival „Zeit für Neue Musik“ in Bayreuth, der „8.Timmendorfer Kulturpromenade“ in Timmendorf, Konzerte in Mannheim, Lüneburg, Hamburg und auf Antigua/Westindische Inseln.

Marcia Kern

Geboren im Jahre 1977 verbrachte Marcia Kern als Tochter einer britisch-westindischen Mutter und eines deutschen Vaters ihre frühe Kindheit in Hamburg, wo sie erste Geigenstunden erhielt. Als die Familie nach England übersiedelte, nahm sie dort Kompositionsunterricht und fing 1987 an, Bratsche zu lernen. Im selben Jahr ermöglichte ihr ein Stipendium für das Junior Department der Guildhall School of Music and Drama in London den Bratschenunterricht bei Prof. Mark Knight.
Im Jahre 1995 begann sie ihr Studium an der City University, London. Hier studierte sie Komposition bei Dr. Rhian Samuel und Elektroakustik bei Prof. Denis Smalley und Dr. Simon Emmerson. Im Rahmen ihrer Ausbildung, die sie 1998 als "Bachelor of Science with honours" abschloss, setzte sie ihr Bratschenstudium an der Guildhall School of Music and Drama fort.

Im Oktober 1999 nahm sie dann ein weiterführendes Studium für „Neue Kompositionstechniken“ an der Hochschule für Musik und Theater in Hamburg und am European Live-Electronic Center in Lüneburg auf, das sie mit „Sehr Gut“ abschloss.
Verschiedene ihrer Kompositionen wurden für Tanz-, Theater-, Therapie- und Unterrichtsprojekte verwendet und bei Konzerten öffentlich aufgeführt. Sie war Composer Fellow am Chamber Music and Composers Forum of the East, Beninnington, USA, in 1999 wurde zum Komponistenforum des Bayreuther Jugendfestspieltreffens 2001 eingeladen, über ihr Werk zu sprechen, und nam teil an den Darmstädter Ferienkurse 2002. Zur Zeit lebt und arbeitet Marcia in Paris.

Sascha Lemke

Der am 10.November 1976 in Hamburg geborene Sascha Lemke erhielt seinen ersten Kompositionsunterricht im Alter von 11 Jahren durch Prof. Kurt Fiebig. Nach der "Studienvorbereitenden Ausbildung" an der Staatlichen Jugendmusikschule Hamburg mit Hauptfach Blockflöte und Nebenfach Klavier war er bereits von 1994 bis 1997 Jungstudent für Theorie/Komposition bei Reinhard Bahr an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg, bevor er 1997 sein ordentliches Studium dieser Fächer bei Prof. Peter Michael Hamel aufnahm. Im Rahmen seiner Studien am Fortbildungszentrum für Neue Musik Lüneburg unter der Leitung von Prof. Helmut W. Erdmann beschäftigte sich Sascha Lemke mit elektronischen und live-elektronischen Konzepten sowie Kon-zeptimprovisation. In den letzten drei Jahren unterrichtete er als Tutor für Satzlehre, Gehörbildung und Computermusik an der Hochschule für Musik und Theater Hamburg. Seit April 2001 ist er Stipendiat der Studienstiftung des deutschen Volkes. In den Jahren 2000 und 2001 war er Dozent des Komponistenforums des Bayreuther Jugendfestspieltreffens. Zu seinen Arbeiten zählen Stücke für verschiedene kammermusikalische Besetzungen sowie Musiktheater und Bühnenmusiken, darunter Auftragswerke für die „8.Timmendorfer Kulturpromenade“, das "Festival für Neue Musik Lüneburg", die Biennale in München und die EXPO 2000 in Hannover. Bei den Darmstädter Ferienkursen 2002 wurde er mit dem Kranichsteiner Stipendienpreis ausgezeichnet. Zur Zeit lebt Sascha Lemke in Paris, wo er am Conservatoire national supérieure de musique et de danse de Paris Komposition bei Frédéric Durieux, Elektronische Musik bei Luis Naon, Yann Geslun und Tom Mays und Instrumentation bei Marc-André Dalbavie studiert.